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The HIGH Society

Amsterdam, heimliche Hauptstadt des Hanfs und weltweit Symbol für Experimentierfreude und Toleranz. Anfang Oktober trafen sich hier diejenigen, die man getrost als das "Who is who" der psychedelischen Szene bezeichnen kann. Neben Albert Hofmann, legendärer Entdecker des LSD und mit 92 Jahren immer noch ein Feuerwerk an Lebensfreude, auch Christian Rätsch, Autor der Enzyklopädie psychoaktiver Pflanzen, und Alexander Shulgin, Wiederentdecker des MDMA (Extasy), um nur einige zu nennen. Grund des Treffens war die vierte Konferenz zu "Schamanismus, psychoaktive Pflanzen und Bewusstseinszustände".

Etwa 300 Teilnehmer aus aller Welt diskutierten vier Tage lang im altehrwürdigen "Koninglijke Instituut voor den Tropen" über die Verwendung natürlicher (Psilocybin, Mescalin etc.) und synthetischer (LSD, MDMA etc.) Haluzinogene. Denn diese Stoffe, die auch als Entheogene (Kontakt zu Gott Erzeugende) bezeichnet werden, können mehr sein als Partydrogen: Zum einen sind die Einsatzmöglichkeiten in der Psychotherapie vielfältig, jedoch auf Grund der rechtlichen Situation bisher kaum erforscht, zum anderen gibt es eine jahrtausende alte Tradition der Verwendung in schamanistischen Ritualen. Sie bilden für Schamanen in fast allen Teilen der Welt die Brücke zur sprituellen Welt, die ihnen die Kommunikation mit den übernatürlichen Kräften erlaubt.

Götter und Dämonen sind für Schamanen keine Frage des Glaubens, sondern ein Teil der (unter Einfluß von Entheogenen) erlebten Realität. Oder, wie es der nepalesische Schamane Indra ausdrückt: "Schamanismus kommt vor der Religion. Religion ist für jene, die nicht [selbst] sehen können". Und daher glauben müssen.


Albert Hofmann
Im klassisch naturwissenschaftlichen Weltbild unsere Zeit ist kein Raum für übernatürliche Kräfte. Doch auch eingefleischte Rationalisten, die die Realität des unter dem Einfluss von Haluzinogenen Erlebten leugnen, müssen die Bedeutung dieser Erlebnisse für sich selbst eingestehen. Diese tiefe Bedeutung von psychedelischen Erlebnissen für einen selbst bildete den Grundkonsens der Konferenzteilnehmer, deren Spektrum ansonsten ausgesprochen vielfältig war und von Naturwissenschaftlern über Psycho- und Ethnologen bis hin zu Vertretern spiritueller Kulte reichte.

So gab es medizinisch/psychotherapeutische Vorträge über die Wirkung von Fliegenpilz und den Einsatz von LSD bei Alkoholismus, Ethnologen berichteten von Gebräuchen und Riten der Schamanen im Himalaya, Mexiko und Afrika, und Künstler demonstrierten den Einfluss von psychoaktiven Stoffen auf ihre Kunst. So begleitete die Konferenz eine kleine aber feine Ausstellung mit Werken von Alex Grey und Donna Torres, sowie traditioneller Kunst der Huichol-Indianer aus Mexiko.


Traditionelle Kunst der Huichol
Die Huichol leben in Zentral-Mexiko und haben bis heute den traditionellen Gebrauch von Peyote beibehalten. Das Überleben dieser Kultur ist jedoch immer stärker gefährdet, seit durch die Existenz der zapatistischen Befreiungsbewegung (EZLN) das Misstrauen der Militärs gegenüber Indios enorm gestiegen ist. Der Besitz von Peyote dient nun allzu oft als Vorwand für vorläufige Verhaftungen. Zudem gehen die natürlichen Vorkommen des echten Peyote-Kaktus immer stärker zurück.

Solidarität mit den ursprünglichen Kulturen, die uns diese Pflanzen (wieder) zugänglich gemacht haben, war darum eine häufig gestellte Forderung in den Diskussionen. Als Beispiel indigenen Wissens kann das aus dem brasilianischen Urwald stammende Ayahuasca dienen. Ayahuasca oder Jurema preta ist ein psychoaktives Getränk, welches aus zwei verschiedenen Pflanzen hergestellt wird. Das Besondere daran ist, das die eine Pflanze einen psychoaktiven Stoff (DMT = Dimethyltryptamin) enthält, der jedoch vom Körper metabolisiert wird, bevor er ins Hirn gelangt, und somit nicht mehr wirksam ist.

Erst in Kombination mit dem Wirkstoff (b-Carolin) der zweiten Pflanze, welcher diese Umwandlung verhindert, entfaltet sich die Wirkung. Weltweit sind inzwischen weit über hundert Pflanzen bekannt, die DMT enthalten und MonoAminoOxidase-Inhibitoren (MAOI), die Stoffgruppe, zu der auch b-Carolin gehört, finden in der Behandlung von Depressionen Anwendung. MAOI sind dabei nicht für sich wirksam, sondern verhindern nur den Abbau körpereigene Wirkstoffe wie Serotonin und Noradrenalin. Da aber auch der Abbau anderer Stoffe unterbunden wird, kann unter dem Einfluß von MAOI der Genuß von Käse, Rotwein und anderer gealterter oder fermentierter Nahrung lebensgefährlich sein. Ähnlich gefährlich kann die Verwechslung von Pilzen sein.


Psilocybinhaltige Pilze sind, dank der gut gedüngten und gepflegten Rasenflächen vor den Regierungsgebäuden dieser Welt, weltweit auf dem Vormarsch. Der klassische "Psilo" ist dabei vor Verwechslung relativ sicher, aber der sehr potente Inocybe aaegurinascens hat einige hochgiftige Brüder, die oft direkt neben ihm sprießen. Nur schwach wirksam aber kaum zu Verwechseln sind Pilze der Gattung Düngelinge (Panaeolus).
Psilocybe cubensis

Nun wurde diese Konferenz nicht nur von der Wissenschaftlerin Claudia Müller-Ebeling, sondern auf von dem Geschäftsmann Hans van den Hurk veranstaltet. Hans van den Hurk kam vor 5 Jahren auf die Idee, das nach niederländischem Recht zwar Psilocybin verboten ist, nicht jedoch psilocybinhaltige Pilze. 1993 eröffnete er "Conscious Dreams", den ersten Smart-Shop der Niederlande, und begann den Handel mit Pilzen, Kakteen und anderen psychoaktiven Pflanzen. Und so war keiner der Konferenzteilnehmer auf ungenau bestimmte Pilze von der Wiese oder gar unberechenbare Pillen vom Schwarzmarkt für die am Rande der Konferenz stattfindenden psychedelischen Experimente angewiesen. Es standen verschiedene Präparate mit bekannter Wirkstoffkonzentration sowie die Erfahrung der Experten zur Verfügung. Der Experte der Experten war dabei natürlich Albert Hofmann, der in seinem Vortrag ein bewegendes Plädoyer für die Erhaltung der Natur hielt. Sein beinahe biblisches Alter merkte man in dabei nicht an und noch nachts um 2 Uhr sah man ihn in intensiver wissenschaftlicher Diskussion oder gar zu Techno tanzend. Er strahlte dabei den "spirit" aus, den einige Teilnehmer zu Anfang etwas vermißt hatten, der jedoch in den warmherzigen und offenen Gesprächen am Rande der Vorträge allenthalben zu spüren war.

Epilog:
Nach meiner Rückkehr aus Amsterdam unternahm ich ein Experiment mit Salvia divinorum, dem mazatekischen Wahrsagersalbei. Nach zwei tiefen Zügen befand ich mich in einem Zustand, der starke Assoziationen mit "Alice im Spiegelland" hervorrief. Wie aus einem Traum erwacht schien sich vor meinen Augen das Rad des Schicksals zu drehen. Das Erlebnis war sehr beeindruckend aber nicht wirklich angenehm und so war ich froh, als sich nach 10 Minuten mein Zustand wieder normalisierte.

v.l.n.r.: H. Hurk, A. Adelaars, C. Müller-Ebeling, J. Ott

Im weiteren Verlauf des Abends hatte ich einige starke deja vu-Erlebnisse, die den Namen Wahrsagersalbei nur zu berechtigt erschienen ließen.


Copyright Text: Arend Streit / Bilder: Heike Tonn / Uwe Gräwe / Layout: Dr. Igüz 1999