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Feature


 
Bob Marley, King of Reggae
25 Jahre nach seinem Tod eine Zusammenfassung seines Lebens
 
25 Jahre nach dem Tod des großartigen Musikers Bob Marley möchte RootZ.net sich intensiver mit dem Leben dieses großen Musikers befassen. Über den Verlauf der kommenden Ausgaben wird hier eine Biographie in komprimierter Form entstehen, die Euch die wichtigsten Infos und Details aus Bobs Leben liefern wird. 

Übersicht

Robert Nesta Marley wird am 6. Februar 1945 in St. Anns, Jamaika, West Indies, geboren. Seine Mutter, Cedella heiratet Bobs Vater, Norval Sinclair Marley, einen englischen Militär, im Juni 1944. Kurz nach der Heirat geht der Vater nach Kingston und besucht Cedella und Bob nur sporadisch, so daß Bobs Vaterfigur vom Großvater übernommen wird. 

Im Jahre 1963 gründen sich die Original Wailers, ein Sextett, das sich stark von ihrem Lehrer Joe Higgs inspirieren läßten. Bob macht derzeit zwei Soloaufnahmen ("Judge Not", "One Cup of Coffee") mit Leslie Kong und im Dezember 1963 veröffentlichen die Wailers ihre erste Aufnahme "Simmer Down" für Coxsone Dodd. Nur einen Monat später ist der Song ein Hit und belegt Platz 1 in den JBC Radio Charts. Insgesamt werden 80.000 Singles verkauft. Die Erfolgsstory beginnt. 

Bis 1966 produziert die Band 70 Songs mit Dodd, von denen 20 in Jamaika zu Hits werden. Stilistisch liegt die Musik im Trend der Zeit: Ska, Soul Covers, Doo-Wop und Proto-Rocksteady. 

Am 10. Februar 1966 heiraten Bob und Rita. Bob geht im Anschluß für eine Zeit zu seiner schon vorher ausgewanderten Mutter nach Amerika, um Geld zu machen. 

Als er im Oktober 1966 nach Jamaika zurückkehrt, ist das ehemalige Sextett zusammengeschrumpft, es besteht nun aus Bob Marley, Peter Tosh und Bunny Livingstone. 

Der 1967 bei Studio One veröffentlichte Hit "Bend Down Low" markiert den Beginn einer neuen Ära: die Songlyrics gehen weg von Liebes- und Rude-Boy-Themen und wenden sich der Rastamessage zu. 

1969 beginnt die Band mit Leslie Kong zu arbeiten, der schon Stars, wie Desmond Dekker, Jimmy Cliff und die Pioneers aufgebaut hat. Es folgen eine Flut von Singles und das Album "The Best of the Wailers". 

Die im gleichen Jahr begonnene Zusammenarbeit mit Lee Perry ist weichenstellend für die Arbeit der Band. Die rebellischen Lyrics der Band werden auf den Punkt gebracht und die musikalische Zusammenarbeit mit Perrys Backingband "The Upsetters" (u.A. das Bass'n'Drum Team der Barrett Brüder) beeinflußt den Sound der Wailers nachhaltig. Es entstehen Songs, wie "Duppy Conqueror", "Small Axe" und "Sun is Shining", von denen Marley eine ganze Anzahl in den Siebziger Jahren neu einspielt. Diese zweijährige Periode der Kooperation zwischen den Wailers und Perry ist einer der Höhepunkte in jamaikanischer Musik. 

1972 bringt Johnny Nash die Marley Komposition "Stir It Up" in die UK-Charts. 

Nach der Perry-Ära startet Bob sein eigenes Label "Tuff Gong" und Chris Blackwell, der Gründer und Besitzer von "Island Records" beginnt mehr und mehr Interesse am Schaffen der Band zu zeigen. Das erste Album für "Island Records", "Catch A Fire" kommt 1973 auf den Markt. Um die jamaikanischen Grenzen zu überwinden und den Weltmarkt zu erobern, ist der Sound der Tunes mit Rockelementen versetzt und auch das Artwork des Albums, sowie die gesamte Promotionkampagne folgen den Regeln eines Rockalbums. Das Ergebnis ist ein durchschlagender internationaler Erfolg einer Band von der Zuckerinsel Jamaika und konsequenterweise geht die Band im April 1973 auf UK-Tour, um für ihre Musik Werbung zu machen und neue Fans zu gewinnen. Das 1974 nachfolgende Island-Album "Burning" ist dann eine Wiederbesinnung auf die Reggaewurzeln. 

Im Herbst 1974 schafft der von Eric Clapton gespielte Tune "I Shot the Sheriff" es bis auf Position 9 der UK Charts. 

Angesichts des Beginns eines internationalen Erfolgs verlassen Tosh und Livingstone 1974 die Band. Sie wollen keine ausgedehnten Tourneen und auch über die Weiterentwicklung der Band insgesamt gibt es Differenzen. Mitte 1974 gründet Bob Marley seine Backing Band "The Wailers" (über die Jahre diverse Besetzungen um den Kern der Barrett Brüder herum) und engagiert für die Harmonies die I-Threes (Rita Marley, Marcia Griffiths und Judy Mowatt). Diese Band hat im Laufe der Jahre den international gültigen Standard für Reggae Sound entwickelt und repräsentiert. 

Es folgt eine ganze Reihe von Alben (1 pro Jahr) für "Island", begleitet von extensivem touren durch diverse Erdteile und Länder, mit dem Ziel, die Rastamessage zu verbreiten und ein immer breiteres Publikum für die Musik zu gewinnen. 

Am 3. Dezember 1976 gibt es in Kingston, Jamaika einen Anschlag auf Bob Marley, den er verletzt übersteht. 

Im Juli 1977 erfolgt die erste Krebsoperation. Bob hat sich bei seiner zweiten Lieblingsbeschäftigung nach Musik, dem Fußball, an einem Zeh eine Wunde zugezogen, die Geschwüre bildet. 

Im April 1978 spielen Bob Marley And the Wailers auf dem "One Love Peace Concert", einer Initiative, den "tribal war", den meist sehr blutigen Wahlkampf auf Jamaika, zu beenden. Marley schafft es , Norman Manley und Edgar Seaga, die beiden Kontrahenden, gemeinsam auf die Bühne zu kommen und sich öffentlich zur Versöhnung die Hände zu schütteln. 

Ab Ende 1978 erweitert Marleys Label "Tuff Gong" sein Repertoire und beginnt junge jamaikanische Talente zu fördern. 

In diesem Jahr findet eine große Welttour durch die U.S.A., Kanada, Japan, Australien und Neuseeland statt. 

Im April 1980 spielen Bob Marley And the Wailers bei Simbabwes Unabhängigkeitsfeiern in der Hauptstadt Harare ein frenetisch gefeiertes Konzert vor 40.000 Zuschauern. 

Mitte 1980 beginnt der Krebs in Bobs Körper sich rasant auszubreiten. Ende 1980 begibt er sich nach Bayern, um sich den alternativen Heilmethoden von Dr. Josef Issels anzuvertrauen, leider ergebnislos.

Im Mai 1981 gibt Bob den Kampf gegen die Krankheit auf und kehrt zu seiner Mutter zurück, die mittlerweile in Miami, Florida lebt. Dort stirbt er am 11.5. des Jahres. 

Er war ein großer Musiker, Songwriter und Performer, ein Rebell, ein Visionär, ein vehementer Verfechter der Menschenrechte und ein Vorkämpfer für weltweite Selbstbestimmung, kurz, er war der erste Superstar aus der sog. 3. Welt, der erste internationale Rastabotschafter, der seine Aufgabe, die Welt über Rasta aufzuklären, nicht besser hätte erfüllen können und bis heute noch weiterführt. Thanks, Bob. 

Wurzeln


Die Geschichte beginnt im jamaikanischen Parish St Ann's, wegen seiner Fruchtbarkeit auf der Insel auch "Garden Parish" genannt. Im zentralen Norden von Jamaika gelegen ist es eine Region typischen Landlebens, es herrscht ein langsamer und relaxter Lebensrhythmus. 

Die Bauern von St Ann's bauen traditionell seit Generationen Ganja an und produzieren Rauchkraut in guter Qualität. Nach Ende der Sklaverei (1883) wurden dort von Baptisten die ersten freien Dörfer der Insel angelegt. Die dort lebenden Kleinbauern pflanzen bis heute für eine Selbstversorgung ihrer Gemeinden nicht nur Ganja, sondern produzieren alles, was für den täglichen Verzehr benötigt wird. 

Die Familie Bob Marleys hat ihre Wurzeln tief im Boden von St Ann's. Sein Großvater Omeriah Malcolm, genannt "Custos" war ein recht wohlhabender, einflußreicher Bauer im Gebiet 8 Miles, 9 Miles, Rhoden Hall, 25 km östlich der regionalen Marktstadt Claremont. Omeriahs sechstes Kind von neun war Cedella, Bobs Mutter. 

Norval Marley, Bobs Vater, war Quartiermeister des British West Indian Regiment für die Distrikte um Rhoden Hall und stammte aus einer Familie weißer Jamaikaner aus Clarendon. Cedella und er trafen sich im Jahre 1944 auf einem seiner Ausritte, mit denen er seine jobbedingten Inspektionsrunden erledigte. Die Liebesbeziehung zwischen den beiden war heimlich, immerhin war sie schwarz und er weiß, eine Verbindung, die auf Jamaika bis heute problematisch ist. Mit der Vertuschung war es jedoch zu Ende,als Cedella 1944 schwanger wurde. Norval war anständig und versprach ihr, sie zu heiraten und nahm Kontakt mit Papa Custos auf. Dieser zögerte zunächst, sein Einverständnis zu geben, ihm war der Altersunterschied des Pärchens - er über 50, sie ein Teenager - für eine funktionierende Beziehung zu groß, gab dann aber schließlich nach und bewilligte die Hochzeit des ungleichen Paares. Der Heiratstermin wurde auf den 9. Juni 1944 festgelegt. 

Das Schicksal meinte es von Anfang an nicht gut mit den beiden. Eine Woche vor der Hochzeit bekam Norval seinen Marschbefehl, er wurde in die Nähe von Kingston versetzt. Einen Tag nach der Hochzeit schon mußte er seinen neuen Posten antreten. Wie weit Marleys Familie, die aus rassistischen Motiven von vornherein gegen die Beziehung zwischen Cedella und Norval war, hinter dieser Versetzung steckte, ist unklar. Klar ist, daß er enterbt wurde, als er sich dem Druck seines Clans nicht beugen wollte. 

Es war Mittwoch, der 6. Februar 1945, um 2.30 h morgens wurde im Haus von Großvater Omeriah dessen erster Enkel geboren und stantepede als Universalerbe festgelegt. Ein paar Tage später kam der Papa aus Kingston und das Baby bekam seinen Namen: Robert vom Vater, Nesta vom Omeriah Clan und Marley wiederum vom Papa. Der Mann, der später die Musikwelt aufmischen soll, war geboren. 

Norval reiste zurück nach Kingston, kam aber immer wieder zu Besuch, der unter dem Druck der Familie jedoch immer seltener und unregelmäßiger wurde. Cedella bekam allerdings regelmäßige Unterstützung und Norval finanzierte ihr und dem Sohn eine kleine Hütte und einen Country Grocery Shop. 

Die frühe Kindheit des Jungens, der in der Familie nicht Bob, sondern Nesta hieß, war die eines typischen Landjungen. Barfuß wanderte er auf seinen Entdeckungsreisen über die ungeteerten Straßen und Wege in der Umgebung von Mutters Hütte. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen war, die Ziegen von Opa Custos auf neue Weiden, die eingebettet waren in den dichten Dschungel des hügeligen Landes, zu treiben. 

Die erste Musik, die an Bobs Trommelfelle drang, war Katreel (Quadrille), Musik, die bei Dorftänzen, auf Teeparties und zu Hause nach getaner Tagesarbeit gespielt wurde. Nicht von Grammophon oder aus dem Radio kommend, sondern von echten Musikern gespielt. Der Stil von Katreel geht zurück auf die europäische Tanzmusik, die Mitte des 19. Jahrhunderts modern war und wurde von jamaikanischen Musikern neu interpretiert, kreolisiert. Gespielt wurde auf zwei Gitarren, zwei Banjos, teilweise unterstützt von Geige und Rhumbabox. Es war die typische Art jamaikanischer Countryunterhaltung. 

Mit 4 Jahren wurde der Junge dann in der örtlichen Stepney School eingeschult. In seiner Freizeit half Bob seiner Mutter in ihrem kleinen Laden und Opa auf der Mangoplantage und bei der Feldarbeit. Vater Norval vermißte seinen Sohn, den er wegen der seltenen Besuche ja nur sehr wenig sah und drängte die Mutter, Bob nach Kingston zu schicken. Dort hätte er ein besseres Leben und eine bessere Schulausbildung. Als Bob 6 Jahre alt war, im Jahre 1951, gab Cedella nach und der Junge ging zum Vater und besuchte dort die Schule. 

Die Mutter fühlte sich ohne Kind schon bald sehr einsam und auch ein regelmäßiger Briefverkehr mit Sohn und Gatten war kein Ersatz. Ein Besuch in der Hauptstadt war wegen der rassistischen Schwiegereltern unmöglich und auch der Schriftkontakt zu Norval schlief schon bald ein. Nach einem Jahr Einsamkeit half der Zufall: Eine Bekannte Cedellas hatte Bob auf der Straße in Kingston getroffen. Der Junge fragte sie nach seiner Mutter und wollte wissen, warum sie ihn denn nicht besuchen käme und nannte ihr seine Adresse. Nur wenig später machte Cedella, ermutigt durch die Nachfrage ihres Sohnes, sich auf den Weg nach Kingston, um ihren Sohn zu sehen. 
 

The Teenagers


Nach einer kurzen Suche im Asphaltdschungel Kingstons Cedella ihren Nesta endlich wieder in die Arme nehmen und fest drücken. Erstaunlicherweise wohnte der Junge nicht bei seinem Vater und dessen Familie, sondern war von Norval zu einer Mrs. Grey in Obhut gegeben worden, bei der er aufwachsen sollte. Die Lebensumstände bei dieser schon alten Frau waren jedoch nicht die besten und als der siebenjährige Bob seiner Mutter gegenüber noch meinte, lieber nach Hause zu wollen, zögerte die Mutter nicht lange und nahm ihn wieder mit in die Country Livity.

Sein Einleben in der neuen, alten Umgebung war für Nesta auch nach dem buzzing Life von Kingston kein Problem. Die Dorfkids freuten sich, ihn wieder für ihre Spiele zu haben und der örtliche Lehrer ließ seine Autorität spielen, um den weitgereisten Jungen wieder in die Klassengemeinschaft zu integrieren. 

Im Verlauf der nächsten Zeit entdeckte Bob seine Liebe zum singen, eine Beschäftigung, der er immer häufiger und regelmäßiger nachging. Seine ersten Zuhörer fand er im Shop seiner Mutter. Die Leute begehrten seine Mento Versions so stark, daß sie ihm sogar Geld für seinen Gesang zahlten. 

Das Jahr 1955 brachte im Leben des Zehnjährigen einige Veränderungen. Sein Vater Norval starb (entweder an Malaria oder Krebs) und Mutter Cedella begehrte Abwechslung vom Landleben mit seiner harten körperlichen Arbeit und ging für eine Weile nach Kingston. Der Junge wurde wieder bei Opa Omeriah einquartiert und machte sich als oberster Ziegenhirte dort nützlich. Die Tiere waren die neuen, geduldigen Zuhörer für seine Lieder, die er von morgens bis abends trällerte. 

Zwei Jahre später entschied Mutter Cedella gegen den Willen des Großvaters, der eine wichtige Arbeitskraft verloren gehen sah, daß Nesta zu ihr nach Kingston kommen sollte. Für den Jungen war das ein ganz neuer Lebensstil: Survival in den Slums von Western Kingston, der Kampf gegen den Hunger, gegen Gewalt, Schmutz und Krankheiten, der Struggle inmitten der Sufferers. Zu überleben wurde zur zentralen Lebenserfahrung des Heranwachsenden. Es brachte sein erstes Wahrnehmen von Rastafarians und Rude Boys. Es war der Umbruch von ländlichem Leben in der Großfamilie hin zu einer gewalttätigen Lebensumgebung mit schwerster Ellbogenattitüde in einem der schlimmsten Slums der Welt - in Trenchtown. 

Aber vielleicht fand der als Kind zwischen Opa, Mutter, Vater und anderen Verwandten herumgereichte Bob dort in seinen langjährigen Freunden, welche untereinander eine Treue entwickelten, die manchen Klan neidisch werden lassen würde, das erste Mal in seinem Leben das Gefühl von Zusammengehörigkeit, von Familie. Die Jungen taten alles für und miteinander. Mutter Cedella verdiente in Kingston als Haushälterin nur kleines Geld, gerade mal genug, um sie und ihren Sohn durchzubringen. Sie war mit Bobs Freundeskreis überhaupt nicht happy, Die meisten Jungen waren älter als er und posten als Rude Boys - Straßenanarchisten West Kingstons, für die gesellschaftliche Autorität nicht Unterordnung, sondern Herausforderung bedeutete. 

Wie für viele jamaikanische Kids endete auch Nestas Schulkarriere früh - mit 14 Jahren. Er war eh kein Kandidat für das britisch geprägte Schulsystem, das seine recht stark entwickelte Persönlichkeit einengte. Seine Vorlieben lagen eher in  typischen Freizeitbeschäftigungen, allem voran das Fußballspielen, das ihn über die Jahre festhielt und indirekt einen schweren Schicksalsschlag für ihn parat hielt.

Aus der direkten Nachbarschaft in Trenchtown stammte ein Junge, zwei Jahre jünger, sein Name war Neville O'Riley Livingstone, aber alle riefen ihn Bunny. Schon bald wurde er Bobs Gesangspartner und sein guter Freund. Bunny hatte einige Fertigkeiten von seinem Vater, der Schreiner war, abgeguckt und zimmerte für die beiden ein erstes Saiteninstrument, das einer Gitarre nachempfungen war. Um 1960 herum hatten die beiden Jugendlichen ihr erstes Repertoire zusammengestellt, von dem einige Fragmente den Weg bis in die Songs von Bob Marley And The Wailers finden sollen. 

Jamaika war derzeit in einer Phase des Umbruchs, 450 Jahre Kolonialzeit gingen zu Ende und die neue Nation war emsig damit beschäftigt, eine eigene Identität und Kultur zu produzieren. Musikalisch war das neue Ding ein Beat namens Ska, eine Mischung aus Mento - einem Calypso-ähnlichen Stil, der aus der Musik aus Bobs Kindheit - Katreel (Quadrille) - hervorgegangen ist - und der ewig präsenten Berieselung mit R&B aus den USA, die ihren Kulturimperialismus mit enorm starken Sendern aus Miami und New Orleans betrieben. 

Bob und Bunny konnten jedoch derzeit dem Ska wenig abgewinnen und orientierten sich mehr an Direktimporten: Fats Domino, The Drifters, Louis Jordan, Elvis, Earl King, The Impressions, Sam Cooke, Jim Reeves, Solomon Burke... Anfangs verfolgte Bob noch Schule und Gesang parallel, aber schon bald nahm erstere in ihrer Bedeutung stetig und rapide ab. 1959 war Nesta überzeugt, als Sänger die Welt der Erwachsenen zu betreten. In dieser Entscheidung wurde er dadurch bestärkt, daß er bei einem Gesangswettbewerb sehr gut weggekommen war und ein Pfund Sterling gewonnen hatte. Eines Tages sagte er seiner Mutter, daß jemand anders seine Schulbücher benutzen könne. Cedella gab jedoch so leicht nicht auf, dem Jungen eine "echte" Ausbildung aufzudrücken und fand für den Jugendlichen, obwohl es in den Gettos Kingstons extrem schwierig ist, einen Lehrplatz in einem Schweißerbetrieb. 

Musikalisch machte Bob seine nächsten Schritte mit Joe Higgs, der sich schon in der Vor-Ska-Ära einen Namen auf der Insel gemacht hatte. Er wurde sein Gesangslehrerund dessen Yard in direkter Gettonachbarschaft war ein Treffpunkt für die lokale Musikszene. Dort trafen Bob und Bunny einen großen, schlanken und etwas älteren Jugendlichen: Winston Hubert McIntosh, der später als Peter Tosh firmieren sollte. Peter besaß einen Schatz, der im einen Riesenvorteil verschuf und ihn von allen anderen Sängern und Musikern in der Gegend abhob: er besaß eine echte Gitarre und konnte sie auch noch recht dezent bedienen. 

So wurde aus dem Duett ein Trio, das unter dem Namen "The Teenagers" begann, ein Repertoire an R&B-Hits einzuüben. Auf sein Bitten hin bekam Bob jedoch eine besonders starke Supervision von Meister Joe Higgs. Ermöglicht durch das vom Meister erworbene Wissen, begann er ab 1961 seine ersten eigenen Tunes zu schreiben. 

In der sich entwickelnden autonomen jamaikanischen Musikproduktion stand ein anderer Name ganz vorne: Leslie Kong. Dieser Mann hatte begonnen, die Stimmen von lokalen Talenten, wie Desmond Dekker und Jimmy Cliff in schwarzglänzende 7'' zu vervielfachen, was möglich machte, daß die Lieder der Sänger über die inselweit operierenden Soundsystems in die Ohren der Zuhörer gedrückt wurden, was einen immensen Zuwachs von Bekanntheitsgrad und einen Popularitätsschub bedeutete. 

Diese Entwicklung übte auf Bob einen so starken Magnetismus aus, daß er seine Ambitionen mit den Teenagers beiseite schob und über Beziehungen an Kong herantrat. Der Plattenproduzent nahm tatsächlich ein paar seiner Tunes auf und so passierte es, daß Ende 1961 die erste  7'' "Judge Not" des 16-Jährigen auf Jamaika veröffentlicht wurde. Kommerziell war sie, wie auch die zwei folgenden Aufnahmen, für Kong ein Flopp, aber sie stärkten Bobs Selbstbewußtsein immens und brachten ihm immerhin 20 Pfund Sterling in die Taschen. 

Tough Gong in Studio One


Familiär stand dem Jugendlichen erneut ein Bruch bevor. Seine Mutter Cedella gab ihr "wildes Liebesleben in Kingston" auf - aus dem im Übrigen eine Halbschwester von Bob und Bunny namens Pearl entstanden ist, als Cedella eine Liaison mit Bunnys Vater Taddy Livingstone hatte - und heiratete einen Mann mit dem Namen Edward Booker, der als jamaikanischer Immigrant in den USA Fuß gefaßt hatte. Der Plan war, daß Cedella und ihre zwei Kinder mit Edward in die USA auswandern sollten, aber Probleme finanzieller Art verhinderten das, so daß am Ende nur Cedella ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten reiste. Bob und Schwester Pearl wurden zu Tante Enid abgeschoben, die in Kingston lebte, aber schon bald mit Pearl zurück nach St Ann's ging.

Bob blieb und fand ein neues "Zuhause" (das wievielte?) bei Bunnys Familie, aber schon bald führten Zwistigkeiten dazu, daß er, gerade 18-jährig, obdachlos im Getto Kingstons, einem der gewalttätigsten und härtesten Orte der Erde, auf der Suche nach temporären Bleiben herumzog. Das Leben als urbaner Nomade war tough, er hatte Hunger, war verunsichert und kannte kaum eine Möglichkeit der persönlichen Selbstentfaltung. Bob war ein Sufferah. 

1963 stand durch Joe Higgs Hilfe die Urformation der Wailers: Junior Braithwaite als Leadsänger, Bunny, Peter und Bob, sowie zwei Mädchen namens Beverley und Cherry. Über einen guten Freund, Alvin Patterson, besser bekannt als Seeco - der Percussionist der Wailers von 1975 bis 1980 - kam eine Connection zu Clement Dodd zustande. Der Musikproduzent hatte gerde ein neues Studio, das berühmte Studio One eröffnet. Dodd entwickelte sich zu Bobs neuem Lehrmeister, er zeigte dem jungen Musiker die Höhen und Tiefen des Musicbizz, erklärte ihm die Hintergründe des Geschäftes und führte ihn in alles, was neben dem Singen zusätzlich in diesem Geschäft wichtig war, ein. 

Beim Studio-One-Vorstellungstermin der Wailers erweckte der von Bunny geschriebene Song "Simmer Down" Dodds Gespür für einen Hit und wenige Tage später hatte die Band einen Studiotermin, bei dem sie von der feinsten jamaikanischen Studioband, den Skatalites, begleitet wurden. 

"Simmer Down" wurde auf Dodd's Label Downbeat Records in den letzten Wochen des Jahres 1963 veröffentlicht. Die Band wurde zu "The Wailing Wailers" umbenannt. Der Groove und die Message des Tunes kamen an, er reflektierte den Zeitgeist der 1962 unabhängig gewordenen Insel, die sich von Anglizismen und Amerikanismen abwandte und eine eigene Kultur zu entwickeln begann. Er war Ausdruck der sich verändernden Jugend, deren Gefühle er verstand, aufgriff und reflektierte. "Simmer Down" wurde ein Hit, und schaffte es bis zur Spitzenposition der NBC Radio Charts. Innerhalb eines Jahres und mehrere Studio One Songs später waren die Wailers die populärste Band der Insel. So begann die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Dodd und den jungen Musikern. Der Produzent hatte speziell Bob unter seine Fittiche genommen und dem Obdachlosen einen kleinen Verschlag hinter dem Studio zur Verfügung gestellt, wo sich der Sänger häuslich einzurichten begann. Endlich wieder zur Ruhe gekommen, begann Bob dort seinen Gesang zu perfektionieren und Gitarre spielen zu lernen. 

In der rauhen Atmosphäre des Kingstoner Gettos, wo Schießpulver, Patronen und Messerklingen das Recht des Stärkeren manifestieren, hatte Bob sich mit den Rude Boys und Pistoleros seiner Gegend angefreundet und setzte ihre martialische Gewalt auch ein, wenn es nötig schien. Er war zwar als Friedensstifter bekannt, aber jede Münze hat zwei Seiten und seine Verbindung zu den Jugendgangs Kingstons prägte ihm seinen Straßennamen auf: "Tuff Gong". 

Im Gegensatz zu ihren Sangeskollegen vertraten die Wailers in ihren Songs eine andere Meinung über die gewalttätigen Rudies - urbane Terroristen, jugendliche Straßenanarchisten oder Getto Guerillas -  Während die Rude Boys im Allgemeinen auf Ablehnung und Verachtung stießen, und ihnen in Songs 100 Jahre Knast, nur weil sie Rude Boys waren, angesungen wurden, sangen Bo & Co mit "Let Him Go", "I Rule My Destiny", "I' ve Got To Keep On Moving", "Can't Fight Against The Youth Now"  in Sympathie oder mit Verständnis für die gewalttätigen Jugendlichen aus den schlimmsten Slums, während sie für die jamaikanische Gesellschaft ein echtes Problem darstellten.

Bob und Rita


 
1965 wurde aus den Wailers das Trio, welches die meisten mit dem Namen verbinden: Bob Marley, Peter Tosh und Bunny Livingstone. Es war auch das Jahr, in dem Bob seine große Liebe und spätere Frau - Rita - kennenlernte. Auch wenn ihr Herz zuerst für den dominanteren und attraktiveren Peter schlug, Bob war ihr zu ernst und nicht locker genug, machte er nach ein paar Monaten das Rennen bei ihr, als er nicht mehr so verkrampft mit ihr umging. 

Szene der Begegnungen zwischen den Wailers und den Soulettes - Ritas Band - war das Studio One, denn Clement Dodd hatte auf die Empfehlungen von Bob Peter und Bunny gehört und die Frauenband Soulettes als Nachwuchstalente akzeptiert, sie standen unter der Ägidie von Bob und wurden von ihm "trainiert". 

Rita, die eher ein solides Leben mit Aktivitäten in Kirche und Gemeinde lebte, ließ den Rude Boy Bob nur langsam an sich heran. Erst wollte sie etwas von ihm wissen, bevor sie bereit war, sich zu öffnen. Sie fragte ihn viel über seinen familiären Hintergrung und sammelte Informationen über Bob, indem sie begann, ihm bei seiner Papierarbeit zu helfen. Dies bestand hauptsächlich daraus, Briefe zu beantworten, die zumeist an Mutter Cedella in die USA gingen und die vielen Songtexte aufzuschreiben, die Bobs Kopf entsprangen. 

Irgendwann sprach er darüber, daß er immer wieder von einem Duppy - der jamaikanischen Variante einer ruhelosen Seele, die Menschen ihr Leben echt unangenehm machen kann - heimgesucht wurde. In seinem Fall raubte der Geist ihm den nächtlichen Schlaf und verursachte dem Musiker chronische Kopfschmerzen. Als brave Kirchgängerin glaubte Rita ihm zunächst kein Wort, als Bob aber auf der Existenz des Duppys bestand, erklärte sie sich bereit, die Sache selbst zu erleben. Sie ließ sich darauf ein, eine Nacht mit Bob in dessen Verschlag in Dodds Hinterhof zu verbringen. Nein, dies war kein billiger Trick, das Mädel auf seinem Lager flachzulegen, es wäre auch garnicht dazu gekommen, denn Rita machte in der besagten Nacht die schlimmste Erfahrung ihres Lebens, wurde von Orientierungslosigkeit, Erstickungsängsten und Kotzerei geplagt, typische Anzeichen dafür, daß ein Duppy an der Pforte eines lebenden Körper klopft. Dieses einschneidende unangenehme Erlebnis verlangte eine Lösung und das Mädchen hatte eine Idee. Sie bat ihre Tante, bei der sie lebte, daß Bob auf deren Grundstück eine kleine Hütte gebaut bekommt. Die Skepsis der Tante kannte keine Grenzen und erst gehöriger Nachdruck Ritas führte zur Überzeugung. Mit dem Einzug in sein x-tes Zuhause war das Duppyproblem aus der Welt und Bob war emotional und körperlich näher an seine Liebe gerückt. 

Das Jahr 1965 brachte auch das Ende der Verbindung zwischen den Wailers und Studio One. Die Musiker erwarteten aufgrund ihrer Verkaufserfolge des von Dodd veröffentlichten Materials eine fette Jahreszahlung an Tantiemen, wurden von jenem aber mit Peanuts abgespeist, ein altes jamaikanisches Problem zwischen Produzenten und Musikern. Nach dieser bitteren Erfahrung erkannte Bob, daß man als Musiker nur auf eine Weise verdienen kann: indem man den gesamten Produktionsprozeß kontrolliert - Aufnahme, Plattenpressung und Distribution. Dafür bedarf es jedoch Kapital und Bob entschied, seiner Mutter nach Delaware zu folgen, um dort Geld für die Gründung einer Plattenfirma zu machen. 

Vorher gab es allerdings noch etwas zu erledigen, er bestand darauf, vor seiner Reise in die USA Rita zu ehelichen. Rita zögerte, die Tante, die als Vormund fungierte, zögerte noch mehr, aber am Ende setzte sich die Ansicht durch, daß eventuelle Nachkommen Bobs lieber ehelich sein sollten und das Paar heiratete an 10. Februar 1966. Schon am auf die Hochzeitsnacht folgenden Morgen flog Bob in die USA zu seiner Mutter, und trat somit in die Fußstapfen seines Vaters Norval, der es mit seiner Mutter genauso gemacht hatte. 

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