25 Jahre nach dem Tod des
großartigen Musikers Bob Marley möchte RootZ.net sich intensiver
mit dem Leben dieses großen Musikers befassen. Über den Verlauf
der kommenden Ausgaben wird hier eine Biographie in komprimierter Form
entstehen, die Euch die wichtigsten Infos und Details aus Bobs Leben liefern
wird.
Übersicht
Robert Nesta Marley wird
am 6. Februar 1945 in St. Anns, Jamaika, West Indies, geboren. Seine Mutter,
Cedella heiratet Bobs Vater, Norval Sinclair Marley, einen englischen Militär,
im Juni 1944. Kurz nach der Heirat geht der Vater nach Kingston und besucht
Cedella und Bob nur sporadisch, so daß Bobs Vaterfigur vom Großvater
übernommen wird.
Im Jahre 1963 gründen
sich die Original Wailers, ein Sextett, das sich stark von ihrem Lehrer
Joe Higgs inspirieren läßten. Bob macht derzeit zwei Soloaufnahmen
("Judge Not", "One Cup of Coffee") mit Leslie Kong und im Dezember 1963
veröffentlichen die Wailers ihre erste Aufnahme "Simmer Down" für
Coxsone Dodd. Nur einen Monat später ist der Song ein Hit und belegt
Platz 1 in den JBC Radio Charts. Insgesamt werden 80.000 Singles verkauft.
Die Erfolgsstory beginnt.
Bis 1966 produziert die Band
70 Songs mit Dodd, von denen 20 in Jamaika zu Hits werden. Stilistisch
liegt die Musik im Trend der Zeit: Ska, Soul Covers, Doo-Wop und Proto-Rocksteady.
Am 10. Februar 1966 heiraten
Bob und Rita. Bob geht im Anschluß für eine Zeit zu seiner schon
vorher ausgewanderten Mutter nach Amerika, um Geld zu machen.
Als er im Oktober 1966 nach
Jamaika zurückkehrt, ist das ehemalige Sextett zusammengeschrumpft,
es besteht nun aus Bob Marley, Peter Tosh und Bunny Livingstone.
Der 1967 bei Studio One veröffentlichte
Hit "Bend Down Low" markiert den Beginn einer neuen Ära: die Songlyrics
gehen weg von Liebes- und Rude-Boy-Themen und wenden sich der Rastamessage
zu.
1969 beginnt die Band mit
Leslie Kong zu arbeiten, der schon Stars, wie Desmond Dekker, Jimmy Cliff
und die Pioneers aufgebaut hat. Es folgen eine Flut von Singles und das
Album "The Best of the Wailers".
Die im gleichen Jahr begonnene
Zusammenarbeit mit Lee Perry ist weichenstellend für die Arbeit der
Band. Die rebellischen Lyrics der Band werden auf den Punkt gebracht und
die musikalische Zusammenarbeit mit Perrys Backingband "The Upsetters"
(u.A. das Bass'n'Drum Team der Barrett Brüder) beeinflußt den
Sound der Wailers nachhaltig. Es entstehen Songs, wie "Duppy Conqueror",
"Small Axe" und "Sun is Shining", von denen Marley eine ganze Anzahl in
den Siebziger Jahren neu einspielt. Diese zweijährige Periode der
Kooperation zwischen den Wailers und Perry ist einer der Höhepunkte
in jamaikanischer Musik.
1972 bringt Johnny Nash die
Marley Komposition "Stir It Up" in die UK-Charts.
Nach der Perry-Ära startet
Bob sein eigenes Label "Tuff Gong" und Chris Blackwell, der Gründer
und Besitzer von "Island Records" beginnt mehr und mehr Interesse am Schaffen
der Band zu zeigen. Das erste Album für "Island Records", "Catch A
Fire" kommt 1973 auf den Markt. Um die jamaikanischen Grenzen zu überwinden
und den Weltmarkt zu erobern, ist der Sound der Tunes mit Rockelementen
versetzt und auch das Artwork des Albums, sowie die gesamte Promotionkampagne
folgen den Regeln eines Rockalbums. Das Ergebnis ist ein durchschlagender
internationaler Erfolg einer Band von der Zuckerinsel Jamaika und konsequenterweise
geht die Band im April 1973 auf UK-Tour, um für ihre Musik Werbung
zu machen und neue Fans zu gewinnen. Das 1974 nachfolgende Island-Album
"Burning" ist dann eine Wiederbesinnung auf die Reggaewurzeln.
Im Herbst 1974 schafft der
von Eric Clapton gespielte Tune "I Shot the Sheriff" es bis auf Position
9 der UK Charts.
Angesichts des Beginns eines
internationalen Erfolgs verlassen Tosh und Livingstone 1974 die Band. Sie
wollen keine ausgedehnten Tourneen und auch über die Weiterentwicklung
der Band insgesamt gibt es Differenzen. Mitte 1974 gründet Bob Marley
seine Backing Band "The Wailers" (über die Jahre diverse Besetzungen
um den Kern der Barrett Brüder herum) und engagiert für die Harmonies
die I-Threes (Rita Marley, Marcia Griffiths und Judy Mowatt). Diese Band
hat im Laufe der Jahre den international gültigen Standard für
Reggae Sound entwickelt und repräsentiert.
Es folgt eine ganze Reihe
von Alben (1 pro Jahr) für "Island", begleitet von extensivem touren
durch diverse Erdteile und Länder, mit dem Ziel, die Rastamessage
zu verbreiten und ein immer breiteres Publikum für die Musik zu gewinnen.
Am 3. Dezember 1976 gibt
es in Kingston, Jamaika einen Anschlag auf Bob Marley, den er verletzt
übersteht.
Im Juli 1977 erfolgt die
erste Krebsoperation. Bob hat sich bei seiner zweiten Lieblingsbeschäftigung
nach Musik, dem Fußball, an einem Zeh eine Wunde zugezogen, die Geschwüre
bildet.
Im April 1978 spielen Bob
Marley And the Wailers auf dem "One Love Peace Concert", einer Initiative,
den "tribal war", den meist sehr blutigen Wahlkampf auf Jamaika, zu beenden.
Marley schafft es , Norman Manley und Edgar Seaga, die beiden Kontrahenden,
gemeinsam auf die Bühne zu kommen und sich öffentlich zur Versöhnung
die Hände zu schütteln.
Ab Ende 1978 erweitert Marleys
Label "Tuff Gong" sein Repertoire und beginnt junge jamaikanische Talente
zu fördern.
In diesem Jahr findet eine
große Welttour durch die U.S.A., Kanada, Japan, Australien und Neuseeland
statt.
Im April 1980 spielen Bob
Marley And the Wailers bei Simbabwes Unabhängigkeitsfeiern in der
Hauptstadt Harare ein frenetisch gefeiertes Konzert vor 40.000 Zuschauern.
Mitte 1980 beginnt der Krebs
in Bobs Körper sich rasant auszubreiten. Ende 1980 begibt er sich
nach Bayern, um sich den alternativen Heilmethoden von Dr. Josef Issels
anzuvertrauen, leider ergebnislos.
Im Mai 1981 gibt Bob den
Kampf gegen die Krankheit auf und kehrt zu seiner Mutter zurück, die
mittlerweile in Miami, Florida lebt. Dort stirbt er am 11.5. des Jahres.
Er war ein großer Musiker,
Songwriter und Performer, ein Rebell, ein Visionär, ein vehementer
Verfechter der Menschenrechte und ein Vorkämpfer für weltweite
Selbstbestimmung, kurz, er war der erste Superstar aus der sog. 3. Welt,
der erste internationale Rastabotschafter, der seine Aufgabe, die Welt
über Rasta aufzuklären, nicht besser hätte erfüllen
können und bis heute noch weiterführt. Thanks, Bob.
Wurzeln
Die
Geschichte beginnt im jamaikanischen Parish St Ann's, wegen seiner Fruchtbarkeit
auf der Insel auch "Garden Parish" genannt. Im zentralen Norden von Jamaika
gelegen ist es eine Region typischen Landlebens, es herrscht ein langsamer
und relaxter Lebensrhythmus.
Die Bauern von St Ann's bauen
traditionell seit Generationen Ganja an und produzieren Rauchkraut in guter
Qualität. Nach Ende der Sklaverei (1883) wurden dort von Baptisten
die ersten freien Dörfer der Insel angelegt. Die dort lebenden Kleinbauern
pflanzen bis heute für eine Selbstversorgung ihrer Gemeinden nicht
nur Ganja, sondern produzieren alles, was für den täglichen Verzehr
benötigt wird.
Die Familie Bob Marleys hat
ihre Wurzeln tief im Boden von St Ann's. Sein Großvater Omeriah Malcolm,
genannt "Custos" war ein recht wohlhabender, einflußreicher Bauer
im Gebiet 8 Miles, 9 Miles, Rhoden Hall, 25 km östlich der regionalen
Marktstadt Claremont. Omeriahs sechstes Kind von neun war Cedella, Bobs
Mutter.
Norval Marley, Bobs Vater,
war Quartiermeister des British West Indian Regiment für die Distrikte
um Rhoden Hall und stammte aus einer Familie weißer Jamaikaner aus
Clarendon. Cedella und er trafen sich im Jahre 1944 auf einem seiner Ausritte,
mit denen er seine jobbedingten Inspektionsrunden erledigte. Die Liebesbeziehung
zwischen den beiden war heimlich, immerhin war sie schwarz und er weiß,
eine Verbindung, die auf Jamaika bis heute problematisch ist. Mit der Vertuschung
war es jedoch zu Ende,als Cedella 1944 schwanger wurde. Norval war anständig
und versprach ihr, sie zu heiraten und nahm Kontakt mit Papa Custos auf.
Dieser zögerte zunächst, sein Einverständnis zu geben, ihm
war der Altersunterschied des Pärchens - er über 50, sie ein
Teenager - für eine funktionierende Beziehung zu groß, gab dann
aber schließlich nach und bewilligte die Hochzeit des ungleichen
Paares. Der Heiratstermin wurde auf den 9. Juni 1944 festgelegt.
Das Schicksal meinte es von
Anfang an nicht gut mit den beiden. Eine Woche vor der Hochzeit bekam Norval
seinen Marschbefehl, er wurde in die Nähe von Kingston versetzt. Einen
Tag nach der Hochzeit schon mußte er seinen neuen Posten antreten.
Wie weit Marleys Familie, die aus rassistischen Motiven von vornherein
gegen die Beziehung zwischen Cedella und Norval war, hinter dieser Versetzung
steckte, ist unklar. Klar ist, daß er enterbt wurde, als er sich
dem Druck seines Clans nicht beugen wollte.
Es war Mittwoch, der 6. Februar
1945, um 2.30 h morgens wurde im Haus von Großvater Omeriah dessen
erster Enkel geboren und stantepede als Universalerbe festgelegt. Ein paar
Tage später kam der Papa aus Kingston und das Baby bekam seinen Namen:
Robert vom Vater, Nesta vom Omeriah Clan und Marley wiederum vom Papa.
Der Mann, der später die Musikwelt aufmischen soll, war geboren.
Norval reiste zurück
nach Kingston, kam aber immer wieder zu Besuch, der unter dem Druck der
Familie jedoch immer seltener und unregelmäßiger wurde. Cedella
bekam allerdings regelmäßige Unterstützung und Norval finanzierte
ihr und dem Sohn eine kleine Hütte und einen Country Grocery Shop.
Die frühe Kindheit des
Jungens, der in der Familie nicht Bob, sondern Nesta hieß, war die
eines typischen Landjungen. Barfuß wanderte er auf seinen Entdeckungsreisen
über die ungeteerten Straßen und Wege in der Umgebung von Mutters
Hütte. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen war, die Ziegen von
Opa Custos auf neue Weiden, die eingebettet waren in den dichten Dschungel
des hügeligen Landes, zu treiben.
Die erste Musik, die an Bobs
Trommelfelle drang, war Katreel (Quadrille), Musik, die bei Dorftänzen,
auf Teeparties und zu Hause nach getaner Tagesarbeit gespielt wurde. Nicht
von Grammophon oder aus dem Radio kommend, sondern von echten Musikern
gespielt. Der Stil von Katreel geht zurück auf die europäische
Tanzmusik, die Mitte des 19. Jahrhunderts modern war und wurde von jamaikanischen
Musikern neu interpretiert, kreolisiert. Gespielt wurde auf zwei Gitarren,
zwei Banjos, teilweise unterstützt von Geige und Rhumbabox. Es war
die typische Art jamaikanischer Countryunterhaltung.
Mit 4 Jahren wurde der Junge
dann in der örtlichen Stepney School eingeschult. In seiner Freizeit
half Bob seiner Mutter in ihrem kleinen Laden und Opa auf der Mangoplantage
und bei der Feldarbeit. Vater Norval vermißte seinen Sohn, den er
wegen der seltenen Besuche ja nur sehr wenig sah und drängte die Mutter,
Bob nach Kingston zu schicken. Dort hätte er ein besseres Leben und
eine bessere Schulausbildung. Als Bob 6 Jahre alt war, im Jahre 1951, gab
Cedella nach und der Junge ging zum Vater und besuchte dort die Schule.
Die Mutter fühlte sich
ohne Kind schon bald sehr einsam und auch ein regelmäßiger Briefverkehr
mit Sohn und Gatten war kein Ersatz. Ein Besuch in der Hauptstadt war wegen
der rassistischen Schwiegereltern unmöglich und auch der Schriftkontakt
zu Norval schlief schon bald ein. Nach einem Jahr Einsamkeit half der Zufall:
Eine Bekannte Cedellas hatte Bob auf der Straße in Kingston getroffen.
Der Junge fragte sie nach seiner Mutter und wollte wissen, warum sie ihn
denn nicht besuchen käme und nannte ihr seine Adresse. Nur wenig später
machte Cedella, ermutigt durch die Nachfrage ihres Sohnes, sich auf den
Weg nach Kingston, um ihren Sohn zu sehen.
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The
Teenagers
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Nach
einer kurzen Suche im Asphaltdschungel Kingstons Cedella ihren Nesta endlich
wieder in die Arme nehmen und fest drücken. Erstaunlicherweise wohnte
der Junge nicht bei seinem Vater und dessen Familie, sondern war von Norval
zu einer Mrs. Grey in Obhut gegeben worden, bei der er aufwachsen sollte.
Die Lebensumstände bei dieser schon alten Frau waren jedoch nicht
die besten und als der siebenjährige Bob seiner Mutter gegenüber
noch meinte, lieber nach Hause zu wollen, zögerte die Mutter nicht
lange und nahm ihn wieder mit in die Country Livity.
Sein Einleben in der neuen,
alten Umgebung war für Nesta auch nach dem buzzing Life von Kingston
kein Problem. Die Dorfkids freuten sich, ihn wieder für ihre Spiele
zu haben und der örtliche Lehrer ließ seine Autorität spielen,
um den weitgereisten Jungen wieder in die Klassengemeinschaft zu integrieren.
Im Verlauf der nächsten
Zeit entdeckte Bob seine Liebe zum singen, eine Beschäftigung, der
er immer häufiger und regelmäßiger nachging. Seine ersten
Zuhörer fand er im Shop seiner Mutter. Die Leute begehrten seine Mento
Versions so stark, daß sie ihm sogar Geld für seinen Gesang
zahlten.
Das Jahr 1955 brachte im
Leben des Zehnjährigen einige Veränderungen. Sein Vater Norval
starb (entweder an Malaria oder Krebs) und Mutter Cedella begehrte Abwechslung
vom Landleben mit seiner harten körperlichen Arbeit und ging für
eine Weile nach Kingston. Der Junge wurde wieder bei Opa Omeriah einquartiert
und machte sich als oberster Ziegenhirte dort nützlich. Die Tiere
waren die neuen, geduldigen Zuhörer für seine Lieder, die er
von morgens bis abends trällerte.
Zwei Jahre später entschied
Mutter Cedella gegen den Willen des Großvaters, der eine wichtige
Arbeitskraft verloren gehen sah, daß Nesta zu ihr nach Kingston kommen
sollte. Für den Jungen war das ein ganz neuer Lebensstil: Survival
in den Slums von Western Kingston, der Kampf gegen den Hunger, gegen Gewalt,
Schmutz und Krankheiten, der Struggle inmitten der Sufferers. Zu überleben
wurde zur zentralen Lebenserfahrung des Heranwachsenden. Es brachte sein
erstes Wahrnehmen von Rastafarians und Rude Boys. Es war der Umbruch von
ländlichem Leben in der Großfamilie hin zu einer gewalttätigen
Lebensumgebung mit schwerster Ellbogenattitüde in einem der schlimmsten
Slums der Welt - in Trenchtown.
Aber vielleicht fand der
als Kind zwischen Opa, Mutter, Vater und anderen Verwandten herumgereichte
Bob dort in seinen langjährigen Freunden, welche untereinander eine
Treue entwickelten, die manchen Klan neidisch werden lassen würde,
das erste Mal in seinem Leben das Gefühl von Zusammengehörigkeit,
von Familie. Die Jungen taten alles für und miteinander. Mutter Cedella
verdiente in Kingston als Haushälterin nur kleines Geld, gerade mal
genug, um sie und ihren Sohn durchzubringen. Sie war mit Bobs Freundeskreis
überhaupt nicht happy, Die meisten Jungen waren älter als er
und posten als Rude Boys - Straßenanarchisten West Kingstons, für
die gesellschaftliche Autorität nicht Unterordnung, sondern Herausforderung
bedeutete.
Wie für viele jamaikanische
Kids endete auch Nestas Schulkarriere früh - mit 14 Jahren. Er war
eh kein Kandidat für das britisch geprägte Schulsystem, das seine
recht stark entwickelte Persönlichkeit einengte. Seine Vorlieben lagen
eher in typischen Freizeitbeschäftigungen, allem voran das Fußballspielen,
das ihn über die Jahre festhielt und indirekt einen schweren Schicksalsschlag
für ihn parat hielt.
Aus der direkten Nachbarschaft
in Trenchtown stammte ein Junge, zwei Jahre jünger, sein Name war
Neville O'Riley Livingstone, aber alle riefen ihn Bunny. Schon bald wurde
er Bobs Gesangspartner und sein guter Freund. Bunny hatte einige Fertigkeiten
von seinem Vater, der Schreiner war, abgeguckt und zimmerte für die
beiden ein erstes Saiteninstrument, das einer Gitarre nachempfungen war.
Um 1960 herum hatten die beiden Jugendlichen ihr erstes Repertoire zusammengestellt,
von dem einige Fragmente den Weg bis in die Songs von Bob Marley And The
Wailers finden sollen.
Jamaika war derzeit in einer
Phase des Umbruchs, 450 Jahre Kolonialzeit gingen zu Ende und die neue
Nation war emsig damit beschäftigt, eine eigene Identität und
Kultur zu produzieren. Musikalisch war das neue Ding ein Beat namens Ska,
eine Mischung aus Mento - einem Calypso-ähnlichen Stil, der aus der
Musik aus Bobs Kindheit - Katreel (Quadrille) - hervorgegangen ist - und
der ewig präsenten Berieselung mit R&B aus den USA, die ihren
Kulturimperialismus mit enorm starken Sendern aus Miami und New Orleans
betrieben.
Bob und Bunny konnten jedoch
derzeit dem Ska wenig abgewinnen und orientierten sich mehr an Direktimporten:
Fats Domino, The Drifters, Louis Jordan, Elvis, Earl King, The Impressions,
Sam Cooke, Jim Reeves, Solomon Burke... Anfangs verfolgte Bob noch Schule
und Gesang parallel, aber schon bald nahm erstere in ihrer Bedeutung stetig
und rapide ab. 1959 war Nesta überzeugt, als Sänger die Welt
der Erwachsenen zu betreten. In dieser Entscheidung wurde er dadurch bestärkt,
daß er bei einem Gesangswettbewerb sehr gut weggekommen war und ein
Pfund Sterling gewonnen hatte. Eines Tages sagte er seiner Mutter, daß
jemand anders seine Schulbücher benutzen könne. Cedella gab jedoch
so leicht nicht auf, dem Jungen eine "echte" Ausbildung aufzudrücken
und fand für den Jugendlichen, obwohl es in den Gettos Kingstons extrem
schwierig ist, einen Lehrplatz in einem Schweißerbetrieb.
Musikalisch machte Bob seine
nächsten Schritte mit Joe Higgs, der sich schon in der Vor-Ska-Ära
einen Namen auf der Insel gemacht hatte. Er wurde sein Gesangslehrerund
dessen Yard in direkter Gettonachbarschaft war ein Treffpunkt für
die lokale Musikszene. Dort trafen Bob und Bunny einen großen, schlanken
und etwas älteren Jugendlichen: Winston Hubert McIntosh, der später
als Peter Tosh firmieren sollte. Peter besaß einen Schatz, der im
einen Riesenvorteil verschuf und ihn von allen anderen Sängern und
Musikern in der Gegend abhob: er besaß eine echte Gitarre und konnte
sie auch noch recht dezent bedienen.
So wurde aus dem Duett ein
Trio, das unter dem Namen "The Teenagers" begann, ein Repertoire an R&B-Hits
einzuüben. Auf sein Bitten hin bekam Bob jedoch eine besonders starke
Supervision von Meister Joe Higgs. Ermöglicht durch das vom Meister
erworbene Wissen, begann er ab 1961 seine ersten eigenen Tunes zu schreiben.
In der sich entwickelnden
autonomen jamaikanischen Musikproduktion stand ein anderer Name ganz vorne:
Leslie Kong. Dieser Mann hatte begonnen, die Stimmen von lokalen Talenten,
wie Desmond Dekker und Jimmy Cliff in schwarzglänzende 7'' zu vervielfachen,
was möglich machte, daß die Lieder der Sänger über
die inselweit operierenden Soundsystems in die Ohren der Zuhörer gedrückt
wurden, was einen immensen Zuwachs von Bekanntheitsgrad und einen Popularitätsschub
bedeutete.
Diese Entwicklung übte
auf Bob einen so starken Magnetismus aus, daß er seine Ambitionen
mit den Teenagers beiseite schob und über Beziehungen an Kong herantrat.
Der Plattenproduzent nahm tatsächlich ein paar seiner Tunes auf und
so passierte es, daß Ende 1961 die erste 7'' "Judge Not" des
16-Jährigen auf Jamaika veröffentlicht wurde. Kommerziell war
sie, wie auch die zwei folgenden Aufnahmen, für Kong ein Flopp, aber
sie stärkten Bobs Selbstbewußtsein immens und brachten ihm immerhin
20 Pfund Sterling in die Taschen.
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Tough
Gong in Studio One
Familiär
stand dem Jugendlichen erneut ein Bruch bevor. Seine Mutter Cedella gab
ihr "wildes Liebesleben in Kingston" auf - aus dem im Übrigen eine
Halbschwester von Bob und Bunny namens Pearl entstanden ist, als Cedella
eine Liaison mit Bunnys Vater Taddy Livingstone hatte - und heiratete einen
Mann mit dem Namen Edward Booker, der als jamaikanischer Immigrant in den
USA Fuß gefaßt hatte. Der Plan war, daß Cedella und ihre
zwei Kinder mit Edward in die USA auswandern sollten, aber Probleme finanzieller
Art verhinderten das, so daß am Ende nur Cedella ins Land der unbegrenzten
Möglichkeiten reiste. Bob und Schwester Pearl wurden zu Tante Enid
abgeschoben, die in Kingston lebte, aber schon bald mit Pearl zurück
nach St Ann's ging.
Bob blieb und fand ein neues
"Zuhause" (das wievielte?) bei Bunnys Familie, aber schon bald führten
Zwistigkeiten dazu, daß er, gerade 18-jährig, obdachlos im Getto
Kingstons, einem der gewalttätigsten und härtesten Orte der Erde,
auf der Suche nach temporären Bleiben herumzog. Das Leben als urbaner
Nomade war tough, er hatte Hunger, war verunsichert und kannte kaum eine
Möglichkeit der persönlichen Selbstentfaltung. Bob war ein Sufferah.
1963 stand durch Joe Higgs
Hilfe die Urformation der Wailers: Junior Braithwaite als Leadsänger,
Bunny, Peter und Bob, sowie zwei Mädchen namens Beverley und Cherry.
Über einen guten Freund, Alvin Patterson, besser bekannt als Seeco
- der Percussionist der Wailers von 1975 bis 1980 - kam eine Connection
zu Clement Dodd zustande. Der Musikproduzent hatte gerde ein neues Studio,
das berühmte Studio One eröffnet. Dodd entwickelte sich zu Bobs
neuem Lehrmeister, er zeigte dem jungen Musiker die Höhen und Tiefen
des Musicbizz, erklärte ihm die Hintergründe des Geschäftes
und führte ihn in alles, was neben dem Singen zusätzlich in diesem
Geschäft wichtig war, ein.
Beim Studio-One-Vorstellungstermin
der Wailers erweckte der von Bunny geschriebene Song "Simmer Down" Dodds
Gespür für einen Hit und wenige Tage später hatte die Band
einen Studiotermin, bei dem sie von der feinsten jamaikanischen Studioband,
den Skatalites, begleitet wurden.
"Simmer Down" wurde auf Dodd's
Label Downbeat Records in den letzten Wochen des Jahres 1963 veröffentlicht.
Die Band wurde zu "The Wailing Wailers" umbenannt. Der Groove und die Message
des Tunes kamen an, er reflektierte den Zeitgeist der 1962 unabhängig
gewordenen Insel, die sich von Anglizismen und Amerikanismen abwandte und
eine eigene Kultur zu entwickeln begann. Er war Ausdruck der sich verändernden
Jugend, deren Gefühle er verstand, aufgriff und reflektierte. "Simmer
Down" wurde ein Hit, und schaffte es bis zur Spitzenposition der NBC Radio
Charts. Innerhalb eines Jahres und mehrere Studio One Songs später
waren die Wailers die populärste Band der Insel. So begann die erfolgreiche
Zusammenarbeit zwischen Dodd und den jungen Musikern. Der Produzent hatte
speziell Bob unter seine Fittiche genommen und dem Obdachlosen einen kleinen
Verschlag hinter dem Studio zur Verfügung gestellt, wo sich der Sänger
häuslich einzurichten begann. Endlich wieder zur Ruhe gekommen, begann
Bob dort seinen Gesang zu perfektionieren und Gitarre spielen zu lernen.
In der rauhen Atmosphäre
des Kingstoner Gettos, wo Schießpulver, Patronen und Messerklingen
das Recht des Stärkeren manifestieren, hatte Bob sich mit den Rude
Boys und Pistoleros seiner Gegend angefreundet und setzte ihre martialische
Gewalt auch ein, wenn es nötig schien. Er war zwar als Friedensstifter
bekannt, aber jede Münze hat zwei Seiten und seine Verbindung zu den
Jugendgangs Kingstons prägte ihm seinen Straßennamen auf: "Tuff
Gong".
Im Gegensatz zu ihren Sangeskollegen
vertraten die Wailers in ihren Songs eine andere Meinung über die
gewalttätigen Rudies - urbane Terroristen, jugendliche Straßenanarchisten
oder Getto Guerillas - Während die Rude Boys im Allgemeinen
auf Ablehnung und Verachtung stießen, und ihnen in Songs 100 Jahre
Knast, nur weil sie Rude Boys waren, angesungen wurden, sangen Bo &
Co mit "Let Him Go", "I Rule My Destiny", "I' ve Got To Keep On Moving",
"Can't Fight Against The Youth Now" in Sympathie oder mit Verständnis
für die gewalttätigen Jugendlichen aus den schlimmsten Slums,
während sie für die jamaikanische Gesellschaft ein echtes Problem
darstellten.
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