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FR online 04.07.07

Schnell mal nach Malle
VON NATALIE SOONDRUM

Am Freitagnachmittag hetzt Sophie Nixdorf aus dem Büro nach Hause. Die Werbekauffrau wirft den Hosenanzug ab, schlüpft in eine Jeans und schnappt den gepackten Handkoffer. Zehn Minuten später sitzt sie im Taxi auf dem Weg zum Flughafen.

Nixdorf macht einen Ultrakurzurlaub und fliegt dafür über das Wochenende nach Ibiza - zum Feiern. Um 22.30 Uhr steht sie bereits mit ihrer Freundin im Hotelzimmerbad vorm Spiegel und zieht sich die Lippen rot nach. Wieder zwei Stunden später lassen sich die beiden Frauen schon im Club "Amnesia" zu den elektronischen Beats treiben.

"Das ist total klasse, den Spirit von ein, zwei Nächten auf Ibiza mitzunehmen. Loslassen, nicht nachdenken, einfach sein. Und hinterher ist man niemandem Rechenschaft schuldig", sagt Nixdorf, die in ihrer Freizeit Djane für Minimal Techno ist.

Billigflieger
Etwa zwei Dutzend Billigfluggesellschaften haben sich auf dem deutschen Markt etabliert. Sie bieten derzeit knapp 400 Strecken mit Zielen im In- und Ausland an. Das sind 73 Verbindungen mehr als im Dezember 2006, was einer Zunahme von fast einem Viertel entspricht. Air Berlin heißt der Marktführer in Deutschland, der allein im Mai dieses Jahres 2,1 Millionen Passagiere beförderte. Die Airline fliegt Mallorca bis zu dreimal täglich von 18 deutschen Flughäfen aus an. Rückflugtickets gibt es in der Regel von 100 Euro an. Jeder dritte Passagier, der in Palma de Mallorca von Bord geht, ist mittlerweile ein Kunde der Fluggesellschaft, die einst mit Flügen von der Hauptstadt aus startete.
Über ihren Wochenendtrip müsse sie noch nicht mal im Büro etwas erzählen, da sowieso niemand bemerken würde, dass sie weg gewesen sei. "Ein Wochenende ohne das soziale Korsett des Alltags", sagt Nixdorf.

Ein Wochenende auf Ibiza oder mal schnell nach Malle. Kurzurlaube sind derzeit der stärkste Trend in der Tourismus-Branche. Seit einigen Jahren entscheiden sich immer mehr Deutsche dafür, statt eines zwei- bis dreiwöchigen Jahresurlaubs, mehrere Trips von wenigen Tagen zu unternehmen.

Eine repräsentative Umfrage der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen hat ergeben, dass bei diesen Wochenend-Ausflügen nicht nur Feiern, sondern vor allem Wellness gefragt ist. 69 Prozent der Befragten würden sich gerne mal ein Wochenende lang richtig verwöhnen lassen und "wie neu geboren" nach Hause zurückkommen. Den Grund für das zunehmende Bedürfnis nach Körper- und Seelenpflege sieht das BAT-Institut im stetig zunehmenden Tempo, in der Hektik des Alltags.

Zum Musical nach Hamburg

Auch Städtereisen, im Fachjargon City-Break genannt, stehen hoch im Kurs. Ob zum Musical nach Hamburg oder für einen Tag zum Shopping nach London, 61 Prozent der Deutschen wollen in Zukunft einen City-Break unternehmen. Daneben spielen Kultur und kulinarische Genüsse und der Besuch von Erlebnisparks wie Euro-Disney eine immer größere Rolle für Kurzurlaubende. "Erlebniskonsumenten" nennt die Tourismusstudie die Urlauber neuen Typs. "Unsere Gesellschaft ist schnelllebiger geworden und bietet auch so viele Möglichkeiten. Jede größere Stadt entwickelt eigene Erlebniskonzepte, darauf reagieren die Menschen natürlich", erklärt Julia Rombach von der Stiftung für Zukunftsfragen den Mentalitätswandel der deutschen Urlauber.

Die Menschen heute wollten möglichst viel in möglichst kurzer Zeit erleben. Dabei drohe Wellness leicht in "Well-Stress" auszuarten. Zwar sei es zunächst erholsam im Kurzurlaub einen Kontrast zu den Eindrücken des Alltags zu erleben, der Körper könne sich dabei aber nicht wirklich regenerieren.

Dem Hang zum Kurzurlaub begegnen mittlerweile auch die Reiseveranstalter. So gab TUI im Dezember 2006 erstmals einen Kurzreisenkatalog heraus mit circa 316 Angeboten aus 15 europäischen Ländern. Im Frühjahr 2007 folgte dann Neckermann Reisen mit Angeboten zu Wellness, Kulinarik, Städtereisen und Sport und Natur in Deutschland.

Thomas Cook bietet Reiseziele überall in Europa und Nordafrika an. Über die Aufenthaltsdauer der Gäste in den Hotels stelle das Unternehmen fest, dass die Zahl der Kurzurlaube zunimmt. "Mit der heutigen Flugvielfalt ist jeder Kurzurlaub möglich", sagt Heidi Modl, Pressesprecherin bei Thomas Cook.

Stark gestiegen ist die "Flugvielfalt" in erster Linie durch die Billigfluggesellschaften, die seit fünf Jahren den Deutschen Markt erobern. Derzeit bedienen etwa zwei Dutzend Low-Cost-Carrier 396 Strecken ins In- und Ausland. Die dadurch angestiegene Mobilität der Deutschen hat die Neigung zur individuellen Reiseplanung stark befördert. So hat die BAT-Stiftung bereits 2005 über die kommende Urlaubergeneration geschrieben: "Im Reisenden von morgen lebt der Nomade von einst wieder auf. Im 21. Jahrhundert driftet der flexible Mensch durch's Leben - als Jobnomade, Lebensabschnittsgefährte oder Erlebnistourist."
 
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