RootZ.Öko – Artikel aus der Umwelt

 
Spiegel

online 26.03.08

100-JAHRES-BILANZ

Wer vom Klimawandel profitiert

– und wen er ruiniert

Von Markus Becker

Wärmer, feuchter, mehr

Extremphänomene: Ein neuer “Klima-Trend-Atlas” zeigt, wie sich Europas

Wetter binnen 100 Jahren gewandelt hat. Die Daten lassen ahnen, wer den

Klimawandel wirklich fürchten muss – und wer profitieren wird.

Wer geglaubt haben sollte,

dass der Klimawandel ein gutes Jahr nach den dramatischen Warnungen des

Uno-Klimarats nicht mehr en vogue sein könnte, durfte nach dem dritten

Extremwetterkongress in Hamburg beruhigt nach Hause fahren: Der Ansturm

der Medien war immens.

Strategisch günstig

ließen die Organisatoren das Treffen am Mittwoch von Christian Schönwiese

eröffnen. Der Meteorologe von der Universität Frankfurt stellte

seinen neuen “Klima-Trend-Atlas” für Europa vor, der auf Beobachtungsdaten

der vergangenen 100 Jahre beruht. Schönwiese hatte sich durch die

Temperaturaufzeichnungen von 126 Wetterstationen gewühlt; für

die Niederschlagsdaten wertete er gar die Messreihen von 521 Stationen

aus.

Das Ergebnis: Es ist im Durchschnitt

wärmer und feuchter geworden. Zwischen 1951 und 2000 zum Beispiel

sei über ganz Europa eine Erwärmungszone zu erkennen, abgesehen

vom äußersten Nordwesten und Südosten.

Allerdings: Während

mancherorts die Temperatur im Jahresmittel nur um einige Zehntelgrad gestiegen

ist, betrug die Erhitzung an anderen Stellen fast zwei Grad. Die Hotspots

macht Schönwiese in Skandinavien aus; dort ist die mittlere Temperatur

im Winter um drei Grad gestiegen. Und in Südfrankreich; dort ist es

im Sommer im Schnitt um zwei Grad wärmer geworden.

Starke Regenfälle und

milde Winter

So weit der Blick in die

Vergangenheit. Die entscheidende Frage aber, ob diese Ergebnisse Rückschlüsse

auf die Zukunft erlauben, geht Schönwiese äußerst zurückhaltend

an. “Das ist eine Aufgabe für die Kollegen, die Klimamodelle erstellen”,

sagt Schönwiese im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nur so viel könne

man sagen: Der Trend der Erwärmung führe zu “intensiveren Extremereignissen”

wie starken Regenfällen, sommerlicher Rekordhitze und äußerst

milden Wintern.

Noch schwieriger ist die

Vorhersage bei Stürmen – ein insbesondere für die deutschen Küsten

enorm wichtiges Problem. “Eventuell wird es im Winter mehr starke Stürme

geben”, sagt Schönwiese. Aber das gelte nur “mit Vorsicht”.

Das hält den Forscher

freilich nicht davon ab, durchaus dramatisch klingende Prognosen für

die Zukunft der deutschen Nordseeinseln zu stellen. “Die Sturmzunahme ist

für diese Inseln gefährlich”, sagt Schönwiese und erinnert

an die Landverluste etwa auf Sylt. Er denke in dieser Hinsicht “nicht in

Kategorien von Jahrhunderten, sondern von Jahrzehnten”. “Die Friesischen

Inseln sind erst durch Sturmtätigkeit entstanden”, sagt Schönwiese.

“Mich würde es nicht wundern, wenn die irgendwann wieder weg wären.”

Wie vertrauenswürdig

sind die Daten?

Auch im Mittelmeerraum werde

es ungemütlich. “Ich würde davon abraten, im Hochsommer in diese

Länder zu reisen”, sagt der Meteorologe. Dafür habe die Erwärmung

auch ihr Gutes, und zwar für die deutsche Tourismuswirtschaft: “An

Nord- und Ostsee wird sich die Situation für den Tourismus sicherlich

verbessern.” Erst im Januar wurde eine Studie veröffentlicht, laut

der die Temperaturen in der Ostsee-Region schneller gestiegen sind als

im globalen Durchschnitt.

Wirklich neu an dem “Klima-Trend-Atlas”

ist laut Schönwiese die regionale Aufschlüsselung der Daten:

“Der Anwender kann in den Atlas schauen und sich die Veränderungen

in seiner Region ansehen.” Was der Anwender davon hat, bleibt allerdings

weitgehend offen – Denn die Dichte der Wetterstationen ist in Europas Regionen

sehr unterschiedlich, und außerdem beeinflussen nicht nur klimatische

Ereignisse die Messreihen über die Jahrzehnte hinweg. Befindet sich

eine Station etwa am Rand einer Stadt, kann sich das lokale Wetter allein

durch deren Wachstum verändern.

Darüber hinaus besteht

das Klima nicht nur aus den von Schönwiese erfassten Temperaturen

und Niederschlagsmengen, sondern setzt sich aus einer ganzen Reihe weiterer

Faktoren zusammen. “Es ist überhaupt nicht gesichert, inwiefern sich

Messdaten aus der Vergangenheit auf die Zukunft übertragen lassen”,

wendet etwa der Münchner Meteorologe Michael Sachweh ein.

Wetter ist nicht gleich Klima

Auch Martin Claußen,

Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, hat noch

offene Fragen an Schönwieses “Klima-Trend-Atlas” – zum Beispiel warum

die Daten nur eine Auflösung von 320 mal 320 Kilometer hergeben, auf

den Karten aber wesentlich feinere Details zu erkennen sind. “Das ist aus

meiner Sicht noch nicht befriedigend beantwortet”, sagt Claußen.

“Es stellt sich die Frage: Wie robust ist das?”

Meteorologe Sachweh sieht

den größten Nutzen des “Klima-Trend-Atlasses” deshalb weniger

auf wissenschaftlichem denn auf didaktischem Gebiet. “Er zeigt den Leuten,

insbesondere den Medien, dass es nicht den globalen Klimatrend gibt, sondern

dass wir es mit vielen lokalen Trends zu tun haben.” Nicht nur deshalb

gebe es bloß äußerst schwache direkte Zusammenhänge

zwischen Klimawandel und Naturkatastrophen.

Die “Bild”-Zeitung warnte

freilich schon in einer Ankündigung des Extremwetterkongresses: “So

schlimm trifft’s Hamburg”. Bei dem Treffen würden Experten über

eine Frage diskutieren: “Was ist nur mit dem Wetter los?” Diese Frage allerdings

ist einfach beantwortet: Mit dem Wetter ist los, was schon immer mit dem

Wetter los war. “Extremereignisse wird es immer geben”, sagt auch Schönwiese

in jede Kamera.

Wetter und Klima seien schließlich

zwei unterschiedliche Dinge. Um das zu erkennen, brauche man nur aus dem

Fenster zu schauen, sagt der Forscher: Derzeit erlebe Deutschland das kälteste

März-Ende seit Jahrzehnten – langfristige Erwärmung hin oder

her.

 

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