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Das 19. Summer Jam Festival war für mich ein persönliches Jubiläum: 10 Jahre Presseberichte über diese Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Veranstalter. Und seit sieben Jahren schreibe ich darüber im www. Wie die Zeit vergeht... Dieses Mal sollte jedoch
alles etwas anders bei der RootZ.net Berichterstattung sein. Es gab keine
Backstagearbeit und Liveübertragung ins web, wie in den vorigen Jahren,
denn der Veranstalter wollte die Presse aus dem sensiblen Bereich hinter
der Bühne heraushalten. Und eine Basis in diesem ruhigeren Areal ist
einfach die Grundvoraussetzung für ein gehaltvolleres Arbeiten. Also
habe ich mich enschieden, die ganze Sache relaxt anzugehen und dieses Mal
aus der Position eines normalen Festivalbesuchers zu arbeiten. Der Reggaevibe
hatte mich dieses Jahr auf dem Festival eh nicht so infiziert, wie zuvor
und so bin ich auch längst nicht so in die vollen gegangen, wie bei
RootZ.net gewohnt.
Ich hatte mich mit Almaz,
die mir bei der Arbeit etwas helfen wollte, verabredet und wir fanden uns
trotz der sich in Bewegung befindenden Menschenmenge recht einfach, die
mobile Telefonie machts möglich. Almaz hatte ich im Vorfeld des Festivals
übrigens gebeten, mit etwas Kath (Qat ?), eine amphetaminähnliche,
allerdings von JAH in einem Strauch produzierte Stimulans aus dem östlichen
Afrika, zu besorgen, die ich gerne mal ausprobieren wollte. Gesagt getan,
auf Almaz ist Verlaß. Wir gingen also zum Zelt ihrer Schwester, wo
sie das Zeug gebunkert hatte. Diese temporäre Kunststoffbehausung
stand etwas versteckt zwischen Büschen und wir hielten uns dort ca.
fünf Minuten auf. Ich gab Almaz ihr Eintrittsbändchen und sie
mir das in einem ca 30 cm langen Bündel aus Ästchen und Blättern
zusammengeschnürte Kath.
Egal, nach ca. einer Stunde
war der Spuk vorbei und wir sind gegen 18 Uhr als freie Menschen in Richtung
Festival gewandert. Mein, aus weiser Voraussicht schon im Vorfeld im Genitalbereich
gebunkertes Ganja, hatten die Herrschaften übrigens nicht gefunden,
so daß wir uns erst mal ein Eckchen suchten, um die erlebten bad
vibes in good vibes zu verwandeln. Dabei schweiften nicht nur aus Vorsicht,
die ersten Blicke über das Festivalgelände und eins war klar
zu erkennen: So voll, wie in den vergangenen Jahren war es 2004 nicht.
Die Zelte standen längst nicht so dicht, wie üblich an allen
möglichen und unmöglichen Plätzen und auch die Bereiche
vor den Bühnen waren längst nicht so voll, wie bei den vorigen
Festivals. Schuld waren wohl das durchwachsene Wetter mit den kühlen
Temperaturen, aber bestimmt auch der Preis von 74 €, der zwar alle
Male gerchtfertigt, aber in diesen wirtschaftlich miesen Zeiten vielleicht
trotzdem von einigen einfach nicht zu berappen ist. Ich habe schon von
Leuten gehört, daß das Ticket zum 20-jährigen Jubiläum
gar 100 € kosten soll. Bitte, JAH, laß das nur ein Gerücht
sein.
Die Wahl fiel dann auf eine Stippvisite bei La Vela Puerca, einer achtköpfigen Band aus Uruguay. Sie hatten mich mit ihrem Sound aus Ska, Punk, Folk und Rock schon bei ihrer CD "De Bichos Y Flores" aus dem Jahr 2003 überzeugt und ich wollte beim Konsum dreier Tunes aufm Summer Jam ihre Livequalitäten überprüfen. Das Urteil: bestens, druckvoller Sound, mitgehendes Publikum, eine Band, von der wir hoffentlich noch mehr zu hören bekommen. Gesehen habe ich sie nicht,
Hip Hop reißt mich nun mal nicht vom Stuhl,aber während einer
längeren Pause im Pressebereich drang ein ausreichender Klangfluß
bis an meine Trommelfelle, um mich äußern zu können: Michael
Franti und Spearhead lieferten ihre Variante von Hip Hop. Da gibts keine
stupiden Gangsta-Attitüden und Abgesänge auf Bitches und Gangbangs.
Franti reimt intellektuell und auf einem für US-Amerikaner erstaunlich
hohen Niveau (sorry, das mußte sein). Trotzdem, wer Spearhead schon
einmal auf dem Chocolatesupahighway begegnet ist, den kann ein weiteres
Konzert der Combo schwer kicken, dafür sind die Rastplätze entlang
der Schokostraße zu monoton. Es folgte dann Max Herre vom Freundeskreis.
Nachdem vor 2 Jahren seine Frau Joy Denalane noch der Hauptact und er nur
der Beleiter waren, durfte er 2004 allein auf die Bühne. Zwar heißt
es, er hätte einen neuen Sound gefunden, sich vom Freundeskreis entfremdet,
aber für mich als Teutonenhiphopmuffel blieb die Innovation verborgen.
Ich wählte die Alternative,
einfach etwas über das Gelände zu streichen, denn das Festival
bietet ja nicht nur musikalisch einiges, sondern man kann auch konsumtechnisch
gnadenlos in den verschiedensten Bereichen zuschlagen, hustling in tausend
Facetten, Futter, Musik, Paraphernalia, Klamotten, Süßes, alles
was das Herz eines Festivalbesuchers höher schlagen läßt,
war auf dem Basar zu finden. Mein Streifzug durch den Basar führte
mich am anderen Ende direkt vor die Hauptbühne, wo Andrew Murphy gerade
ankündigte, daß auf der grünen Bühne Lady Saw und
auf der Red Stage der Altmeister Lee Perry bevorstünden. Der MC gab
seinem Publikum den Ratschlag, sich, wie er selbst, die Golden Times des
Reggae mit Perry zu geben und schloß mit den Worten: "Ich bleibe
lieber bei den Roots. Gott beschütze mich vor einer Frau wie Lady
Saw."
Der Samstag startete wettermäßig
mit dem für den Sommer 2004 schon fast üblichen Grau, mit Schauern
und saisonunüblichen Temperaturen. Für mich als ein mittlerweile
an Tropentemperaturen gewöhntes Westen, waren das schwierige Bedingungen,
in die Stimmung für ein Reggae-Open-Air zu kommen. Dementsprechend
bin ich auch erst nach dem Durchbruch erster Sonnenstrahlen, am späten
Nachmittag gen Festival aufgebrochen. Ich hatte dabei auch nicht das Gefühl,
groß etwas zu verpassen, angesagt waren deutsche Nachwuchsacts, bei
denen maximal Nosliw von mir Aufmerksamkeit erhalten hätte, und das
auch nur, weil ich mir live ein paar Tunes von seinem im September bevorstehenden
Album "Mittendrin" hätte anhören können. Ok, ärgerlich
war es, das Sud Soundsystem aus dem Süden Frankreichs, bekannt für
seine Rebellischkeit, nicht mitbekommen zu haben.
Mit Luke, der mich an diesem
Nachmittag begleitete, machte ich es mir im Gras gemütlich und bastelte
erst mal an einem dieser überall präsenten konischen Rauchgeräte
und zündete es anschließend an. Wir entspannten beim Sound der
westafrikanischen Combo und ließen unseren Blick über die Wasser-
und anschließenden Grünflächen wandern. Entspannung! Rein
zufällig blickte ich irgendwann über meine Schulter und hatte
gerade noch ausreichend Zeit, den Joint einigermaßen unauffällig
auszudrücken, bevor eine Herde Bullen, die auf der Wiese relaxenden
Grüppchen traktierend, uns erreichte. Auf eine Abenteuer Nr 2 mit
Babylon hatte ich wirklich keinen Bock.
Als stylistisch passende
Nachfolge zu Sanchez kamen Cécile und die "Dancehall-Boyband" T.O.K.
mit ihrem Programm aus Ragga, Hip Hop und R & B. Es tat zwar gut zu
hören, wie dem immer parallel in der Kölner Innenstadt stattfindenden
CSD ein paar feurige Grüße zugeschickt und den Chi Chis zu ihrer
natürlichen Wärme noch etwas mehr eingeheizt wurde, aber insgesamt
war mir die Show zu amerikanisch gestylt und ich hatte die Jungs auch im
Vorjahr schon beim s.o.m.a. aus der ersten Reihe gesehen.
Die Ras-Ites, entdeckt und
aufgebaut durch die Jungs von Jetstar Records (haben derzeit auch Junior
Kelly gepusht), Produkte der Londoner Gettos, präsentierten ihr neues,
zweites Album. Und die Kombination aus den Tunes des Erstlings und der
Live-Präsentation des Neulings läßt eines vermuten: es
wird hochklassiger Reggae mit einem sehr guten Schuß Rock, ganz in
der Tradition britischer Reggaebands, wie bspw Steel Pulse, nicht so erdig
halt, eher etwas urban, offen für Einflüsse anderer Genres.
Szenewechsel, Samstagabend,
Prime Time, Red Stage, er kommt, der Prophet, King Chango, der Fireman,
der Mann aus Papine, J.A., West Indies: Capleton. Erneut "dressed to kill"
in einem gedeckt gelben Outfit (sorry, auf den Fotos nicht zu sehen), tigerte
er mit einer Power über die Bühne, von einer Ecke zur anderen
und zurück und putschte die Crowd zum Siedepunkt. Überall Fahnen
mit ites, gold and green, eine Szene, als wäre der Löwe von Judäa
Kölns Wappentier, Hands in the air und lighters bis hin zu ernsthaften
Verbrennungen der Fingerspitzen.
Die Show war für mich
dann auch der gelungene Abschied von der Red Stage am Samstagabend. Ein
Verbleib beim Warlord Bounty, Wayne Marshall und dem frischen Namen Vybz
Cartel, erstmals aufm Summer Jam, kam bei der Alternative nicht in Frage.
Auf der anderen Bühne spielten nämlich die Abyssinians und zwar
seit langer Zeit vokalistisch das erste Mal wieder im Originaltrio. So
etwas darf man sich nicht entgehen lassen, wer weiß, ob diese Chance
noch einmal wiederkommt. Nach ein paar Tunes war klar: ich hatte mir nicht
zu viel versprochen, der Sound, tiefste Roots, war einfach nur zeitlos,
mystisch, spirituell, unterstützt von einem sehr schönen Bühnenlicht
und der Superstimmung, die das Publikum am späten Samstagabend produzierte.
Für mich der ideale Zeitpunkt zum abziehen, denn man soll gehen, wenns
am schönsten ist.
Sonntag, Summer Jam Tag Nr.
3. Es beginnt wie am Samstag: dunkle Wolken, Schauer, saisonuntypische
Kälte, nicht das Klima, um sich kopfüber mit blutunterlaufenen
Augen ins Festival zu stürzen. Es dauerte wieder mal bis zum späten
Nachmittag, um die vibes aufzubauen, was aber so viel auch nicht ausmachte,
denn es standen programmatisch erstmal wieder (teilweise zugewanderte)
Nachwuchs-Skanker aus Teutonien auf den Brettern, die ihnen die Welt bedeuten.
Allerdings fand ich es außerordentlich schade, daß ich die
Rotterdam Ska Jazz Foundation verpaßt habe, ein fettes Projekt aus
der niederländischen Hafenstadt, die mich im vergangenen Jahr mit
ihrem höchst tanzbaren Erstling "Shake Your Foundation" angenehm überrascht
hatten. Aber für eine Combo wollte ich dann am frühen Nachmittag
bei dem Wetter ncht raus. Sorry, ich hoffe, es gibt noch mal ne Gelegenheit,
etwas über die neun Jungs aus den Niederlanden zu schreiben.
Naja, ich wollte an diesem
Sonntag wieder Fossilienkunde betreiben und hatte zwei Forschungsobjekte
bestimmt: Rico Rodriguez, vor ein paar Jahren wieder auf der internationalen
Szene aufgetaucht, <Posaunist der Spitzenklasse über Jahrzehnte,
Urheber mehrerer karibischer Ohrwürmer. Auf dem Festival präsentierte
er sich mit der mir unbekannten Begleitband Sharp Axe Band. Der Auftritt
wurde leider von der Green auf die Red Stage verlegt, um dort Programmlücken
zu schließen, ein Move, den ich nicht mitbekommen hatte und durch
den mir das tatsächliche Studium eines der Objekte durch die Horchlappen
gegangen ist.
Auf der Bühne stand
Ken natürlich mit einem Feuerwerk seiner alten Hits aus den Äras
des Rocksteady und frühen Reggae. Begleitet wurde er von der deutschen
(Stuttgarter) Combo Soulfood International,die aus der erstklassigen, aber
leider aufgelösten Court Jester's Crew hervorgegangen sind. Die Jungs
haben ihre Begleitarbeit gut gemacht und ich habe mich innerlich mit ihnen
bzgl. ihrer Musik wieder versöhnt. Denn, als ich letztjährig
das erste mal über diesen Namen stolperte, gings um ein Projekt von
Soulfood Int. mit Rappern in und um Benztown, das von Grover Records, von
mir bis dato recht unverständlich, auf den Markt gebracht wurde. Derzeit
hatte ich nur einen Stempel parat: eine Kopie des Ösi-Projektes Dancehall
Fieber für Arme. Heute muß ich sagen: Jungs, gut gemacht, macht
besser mitjamaikanischen Veteranen weiter, als mit milchbärtigen,
im Rhythmus stammmelnden Germanen.
Da ich keine rechte Lust
auf Sunny Boy Luciano verspürte, war Mr Boothe das Ende des musikalischen
Programms für mich. Bleibt zusammenzufassend zu sagen, daß ich
mir klimatechnisch wohl das richtige Jahr ausgesucht habe, dieses Mal kein
RootZ Camp aufm Gelände zu errichten, als Konsequenz aber auch das
gesamte Volumen der Berichterstattung einzuschränken. Und ich habe
festgestellt, daß bei mir über die ganzen drei Tage keine richtigen
Vibes aufgekommen sind. Kann sein, daß es an mir lag, auf jeden Fall
hats gepaßt mit der Mini Summer Jam Ausgabe bei RootZ.net.
Und genau mit diesem Mix
aus Kultur und Kommerz habe ich eben meine Probleme. Aufm Summer Jam wirste
wegen ner Flocke Ganja blöd angemacht, kriegst vielleicht noch per
Anzeige Ärger mit dem System, aber Bier wird per Schlauch aus dem
Rückencontainer mobiler Verkäufer verteilt, sehr effektiv, dann
geht das Abfüllen schneller und sogar derjenige, der ob des Alkkonsums
und der resultierenden Gleichgewichtsproblematik, die seine Motorik einschränkt,
eigentlich keine Chance mehr auf Nachschub hat, bekommt die Möglichkeit,
seinen Summer-Jam-Plastikbecher erneut aufgefüllt zu bekommen.
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