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Aktion |
Kingston, J.A., 1. Februar 2003, 20 Uhr abends - 25 Grad Celsius "Home, sweet home" waren Evertons Worte, welche mich aus meinem Halbschlaf rissen, der mich bei unserer frühabendlichen Autofahrt übermannt hatte und in einen Zustand des ständigen aber ungleichmäßigen Wechsels zwischen süßen Südseeträumen und ruckeliger J.A.-Road-Wirklichkeit versetzte. Aufgrund einiger Zwischenstops
waren wir dann endlich nach guten vier Stunden Fahrt von Montego Bay in
der Hauptstadt Kingston, Stadtteil Crossroads angekommen.
Nach nur kurzer Schlummerzeit
erklang ein penetranter Ton, der mir leider all zu bekannt war: das nervtötende,
hochtonige Schwirren von Moskitos.
Der Stadtteil Crossroads
liegt ungefähr in der Mitte der jamaikanischen Hauptstadt, über
die Slipe Road kommt man von dort in südliche Richtung fahrend nach
Down Town mit Hafen und Altstadt. In den Straßen der Altstadt versammeln
sich täglich Hunderte fliegender Händler mit ihrem bunten Sortiment
und bieten ihre Waren auf dem Bürgersteig oder sonst wo am Straßenrand
sitzend, an.
Nördlich von Crossroads,
verbunden über die Half Way Tree Road bzw. Old Hope Road, türmt
sich New Kingston auf, das sich durch seine weit sichtbaren Büro-
und Hotelhochhäuser auszeichnet. Allerdings hat New Kingston nicht
mal ansatzweise soviel Charme wie die Altstadt.
Glücklicherweise war in unserer Straße akustisch wenig von dem geschäftigen Treiben ringsherum zu spüren. Ein unüberhörbarer Grund dafür war wohl auch die kleine Bar auf der anderen Straßenseite meiner Herberge. Selbst bei geschlossener Tür und zugeklapptem Fenster war die Lautstärke immer noch der einer bis zum Anschlag aufgerissenen Boombox, oder wie die Dinger heutzutage genannt werden, ebenbürtig. Zu meiner großen Freude
lief dort fast rund um die Uhr gute Musik, dank Irie FM, ein in weiten
Teilen des Landes gern gehörter Volksmusiksender jamaikanischer Kulör.
Neben dieser recht lauten und ständigen, zwischen Roots Rock Reggae
und Dancehall wechselnden, Beschallung gab es für andere Geräuschquellen
aus den umliegenden Produktionsbetrieben zum Glück kaum ein Durchkommen
zu humanoiden Hörrezeptoren. Es sei denn bei dem Störgeräusch
handelte es sich um den erbaulichen Klang einer Autoalarmanlage, welche
(zumindest die in Jamaika vorkommende Art) nach meinen Erfahrungen selbst
tote Fische, die ja bekanntlich schon zu Lebzeiten taub sind, wieder lebend
und zudem hörend machen kann. Verschiedene Meeresbiologen planen...
aber das ist ein anderes Thema...
Wenn die Herren (und Damen
?!) Alarmanlagenbesitzer dann aber mal Ruhe gaben, weil sie vielleicht
gerade einen zusätzlichen Signalverstärker montieren mussten,
gab es auch (nicht wenige) Momente gesteigerten akustischen Liebreizes:
Zu der eben erwähnten Irie FM Dauerabspiel-Bar genau gegenüber
gehörte noch ein regelmäßig genutztes Rehearsal-Studio.
Dort begab es sich dann gut zweimal die Woche, dass ein namhafter Künstler
dort sein Set für die kommenden Tournee einstudierte.
Überhaupt war die gegenüberliegende Straßenseite mit dem Bar- und Probestudio "Komplex" höchst interessant da sich an der linken Seite des Grundstücks auch tagtäglich Männer versammelten. Dort saßen sie dann und je länger sie saßen und je mehr heiliger Rauch aus vasenähnlichen paperumwickelten Gerätschaften aufgestiegen war, um so heftiger diskutierten sie über größere und kleinere Probleme der Welt. Zu Beginn meines Aufenthalts kam mir das, dank meiner europäischen Zartheit (Hüstel, Hüstel), schon ziemlich merkwürdig vor. Warum schreien die denn so? Zudem kam noch das anfängliche Problem der mitunter recht flinken Zunge des Jamaikaners folgen zu können. Ich vermutete daher natürlich gleich das Schlimmste. Aber wie man mir sagte und ich später auch selbst feststellte: dies war und ist die übliche Art eines jamaikanischen Meinungsaustauschs. Laut aber friedlich. Grundsätzlich gab es einige Verhaltensweisen der Jamaikaner, die für mich als verhätschelten Mitteleuropäer schon fremdartig, aber nie wirklich bedrohlich anmuteten. Der/Die BewohnerIn der kleinsten der drei großen Antillen ist von Natur aus sehr offen und direkt, es wird nicht wie bei uns oft üblich, herum gefaselt, taktiert und versucht dem Gegenüber durch irgendwelche persönlichen Bemerkungen z.B. über sein Aussehen, Verhalten, etc.. ja nicht zu nahe zu treten. Wenn nun aber dem Jamaikaner etwas stinkt oder es ihm gerade beliebt einen deftigen Witz über z.B.: die Frisur des Gegenüber zu reißen, dann tut er das auch. Allerdings nicht mit der Absicht die Person zu kränken sondern einfach um des Scherzens willen. Und wenn der Gesprächspartner schlagfertig genug ist dann gibt er eben kontra, was allerdings nicht bedeutet, daß es zu Mord und Totschlag kommt. Im Kontakt mit den Inselbesuchern ist dieser Habitus natürlich von enormen Vorteil, trifft nämlich ein robust auftretender Jamaikaner auf einen verschüchtert wirkenden Urlauber (in den meisten Fällen, so meine Erfahrung, sind sie es auch, sofern sie sich außerhalb des von ihnen als sicher eingestuften Hotelbereichs bzw. klimatisierten Panoramabusses befinden) so ist es nicht selten, daß der/die Urlauber/in um einige Jamaikadollar erleichtert wird. Nur weil ihnen schroff "Gimme som' money, mon!" entgegen geraunt wird und aus lauter Furcht, ein Opfer von was auch immer zu werden, die Scheine von einem Besitzer zum nächsten zu wandern beginnen. Natürlich habe sogar ich in einigen Fällen Kohle springen lassen aber in mindestens ebenso vielen Fällen auch nicht und nie ist mir irgend etwas geschehen, vorausgesetzt natürlich dabei den anderen respektvoll zu behandeln, was ja selbstverständlich ist. Es scheint nicht nur auf Jamaika, sondern in vielen wirtschaftlich armen Urlaubsländern, ein Sport zu sein, Touristen zu übertölpeln, zumal es einige Feriengäste auch geradezu darauf anlegen. Wäre ich Bewohner eines solchen Landes würde ich auch alles daransetzen, mindestens zum Meisterabzieher, wenn nicht gar Prinz aller Abzieher zu werden, denn so leicht verdientes Geld ist durchaus eine Verlockung. |
| Copyright Bilder / Text: Leznub / Layout: Doc Highgoods 2003 |